Lützerath is calling!

Neun Thesen zum Widerstand gegen die Klimakrise und ein Vorschlag für einen Strategiewechsel der Bewegung.

1. Der Lützerath-Deal der Ampel-Regierung mit dem Energiekonzern RWE ist eine Katastrophe für den Klimaschutz in Deutschland und weltweit. Widerstand dagegen ist richtig, die Räumung von Lützerath ein politischer Skandal

Obwohl sich Zehntausende Menschen an Protesten in und um Lützerath beteiligten, trotz atemberaubender und waghalsiger Aktionen von Klimaaktivist:innen, ist das Widerstands-Dorf Lützerath durch die von SPD, Grünen und FDP geführte Bundesregierung sowie die schwarz-grüne-Landesregierung in Nordrhein-Westfalen geräumt worden. Lützerath gleicht nun einer Festung: Zäune, Stacheldraht und Polizeikräfte sollen die Profitinteressen des Energiekonzerns RWE schützen und jedes Durchkommen verhindern.

Dabei ist klar: Soll die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt werden, darf die Kohle unter Lützerath nicht mehr verbrannt werden. Das rheinische Braunkohlerevier ist schon jetzt die größte CO2-Quelle Europas. RWE will das Dorf abbaggern, weil der Konzern allein im Tagebau Garzweiler rund um Lützerath plant, weitere hunderte Millionen Tonnen des Klimakillers Braunkohle zu fördern: Damit wird die Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaabkommens verunmöglicht und zudem ein fatales Zeichen gesetzt: Eines der größten Industrieländer der Welt wird das UN-Klimaabkommen brechen. Der Lützerath-Deal der Ampel-Regierung mit dem Energiekonzern RWE schadet also nicht nur dem Klimaschutz in Deutschland.

Vor dem Hintergrund der Klimakrise ist der Widerstand gegen den Ausbau des Kohleabbaus in Deutschland richtig und wichtig. Die Räumung von Lützerath durch die Regierenden hingegen ist ein politischer Skandal. Das Klima interessiert weder politische Deals, noch die Bilanzen großer Energiekonzerne. Wollen wir den Abwärtsstrudel der Folgen des Klimawandels verlangsamen – ihn zu stoppen, ist schon lange keine Option mehr –, muss der Widerstand gegen die Kohleverbrennung weitergehen.

2. Die Kohle unter Lützerath wird nicht benötigt. Es geht um die Profitinteressen des Energiekonzerns RWE

Besonders die Führung der Grünen rechtfertigt die Räumung mit einem ausgehandelten Abkommen. Im sogenannten Lützerath-Deal stimmten die Bundesregierung und die nordrhein-westfälische Landesregierung dem Wunsch des Energiekonzern RWE zu, das Dorf zu zerstören. Im Ausgleich dafür würde RWE den Kohleausstieg um acht Jahre auf 2030 vorziehen. Doch dieser Deal ist ein fauler Kompromiss.

RWE setzt alles daran, den Tagebau in Garzweiler auszubauen. Das hat einen Grund: Profitinteressen. Der Energiekonzern hatte bereits mit dem vorhergehenden Kohlekompromiss 2019 sogenannte Kompensationszahlungen aus Steuergeldern in Höhe von 2,6 Milliarden für den Kohleausstieg von der Bundesregierung zugesagt bekommen. Der neue Lützerath-Deal vom Oktober 2022 bringt RWE in den kommenden Jahren nochmal staatliche Zusatzgewinne ein. Denn der kurzfristig beschlossene Weiterbetrieb der zwei Kraftwerksblöcke ist bei hohen Strompreisen extrem lukrativ. Das Handelsblatt geht von einem Zusatzgewinn von bis zu einer Milliarde Euro aus, der für den Konzern möglich sei. Die Politik kuscht vor den Profitinteressen der fossilen Konzerne wie RWE. Dass sich die Politik zum Handlanger solcher Konzerne macht, zeigt, dass auf staatliche Akteure in Punkto Klimaschutz kein Verlass ist.

3. Der Vorwurf des »Klimaterrorismus« ist Teil einer rechten Kampagne. Die wahren Klimaterroristen sitzen in den Regierungen und Chefetagen der Konzerne

»Die Klimaterroristen von Lützerath«, prangt auf dem Titel des Magazins Cicero – gemeint sind Aktivist:innen, die sich an den friedlichen Massenblockaden beteiligen. Schon seit Monaten versuchen rechte Kräfte in Politik und Medien, Stimmung gegen die Klimabewegung zu machen. Während Zehntausende friedlich protestieren, konzentriert sich auch die Berichterstattung rund um Lützerath auf die Gewalt Einzelner. Was dabei untergeht: Es sind die mächtigsten Konzerne der Welt, die alles dafür unternehmen, dass der fossile Kapitalismus am Laufen bleibt. Kathrin Hartmann, Journalistin und Autorin des Buches »Die grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell« erklärt: »Alleine der Energiekonzern RWE ist als Braunkohleriese für ein halbes Prozent des globalen Klimawandels verantwortlich, er ist der größte CO2-Emittent Europas. Die deutsche Autoindustrie hat über Jahre gegen höhere Abgasgrenzen lobbyiert und immer dickere CO2-Schleudern gebaut. Darüber hinaus sorgen Agrar- und Chemiekonzerne, wie etwa Bayer-Monsanto, dafür, dass ein extrem schädliches Landwirtschaftssystem erhalten bleibt. Außerdem ist die Fleischindustrie in Deutschland abhängig von Soja, wofür in Lateinamerika Wälder vernichtet und Indigene vertrieben und umgebracht werden. Handelsketten und Lebensmittelfirmen wiederum importieren mit Palm- und Sojaöl waldvernichtende Rohstoffe.«

Es wird keinen grünen Kapitalismus geben

Die Gewalt durch einen Steinwurf steht in keinem Verhältnis zur Gewalt, die durch den Klimawandel und die systematische Ausbeutung und Vernichtung von Ökosystemen entsteht. Wissenschaftler:innen zeigen in Studien regelmäßig, dass durch die Klimakrise jedes Jahr Zehntausende Menschen getötet werden. Nach Schätzungen kostete alleine der Hitzesommer in Europa rund 100.000 Menschenleben. Selbst der Spiegel schreibt: »Gerade für Senioren erweist sich die fortschreitende Erderwärmung damit als echter Killer.«

Die wahren Klimaterrorist:innen sitzen in Regierungen und in den Chefetagen der Konzerne. Sie werfen keine Steine und zünden keine Autos an, sie setzen mit ihrer Politik die Welt in Brand. Widerstand dagegen ist nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig.

4. Die Führung der Grünen stellt sich mit dem Lützerath-Deal gegen die Klimabewegung. Doch es ist nicht der erste Verrat der Partei. Die Grünen sind im Kampf gegen die Klimakrise kein Bündnispartner, sondern in erster Linie Gegner

Etwa 2.000 Basismitglieder der Grünen haben einen offenen Brief an die schwarz-grüne Landesregierung von NRW geschrieben. Der Titel: »Grüne Grundwerte nicht verraten: Lützerath muss bleiben«. Als Grünen-Mitglieder könne man die Räumung des Dorfes Lützerath weder verstehen noch hinnehmen. Der »ausgehandelte Deal mit dem Energiekonzern RWE droht mit den Grundsätzen unserer Partei zu brechen«, heißt es weiter.

Der offene Brief kritisiert zu Recht die Parteiführung. Doch die Räumung von Lützerath ist nicht der erste Verrat der Grünen und offene Briefe werden am Kurs der Partei nichts ändern. Die Grünen haben sich längst zu einer systemkonformen Partei entwickelt. In diesem Prozess gab es eine Vielzahl von Beispielen, bei denen die Grünen ihre Grundwerte verraten haben, um regierungsfähig zu werden. Als 1985 in Hessen die erste rot-grüne Landesregierung gebildet wurde, spottete der »Spiegel« über den Koalitionsvertrag: »Die Grünen gaben sich damit zufrieden, dass sie sich künftig um den Bestand von Vogelarten kümmern dürfen, aber nicht um den Abbau der Kernenergie«. Die Beteiligung an der Regierung Schröder ab 1998 führte schließlich zur völligen Aufgabe ihrer Grundsätze. Die Grünen trugen alle maßgeblichen Projekte Schröders kritiklos mit – von der neoliberalen Agenda 2010, der Aufrüstung und Militarisierung sowie der ersten Beteiligung an einem Angriffskrieg seit dem Zweiten Weltkrieg. Die damalige Klima- und Umweltbilanz der ersten rot-grünen Bundesregierung ist ebenso niederschmetternd: Anstieg des CO2-Ausstoßes, kein Atomausstieg, Liberalisierung der staatlichen Energieversorgung, Boden- und Wasserverschmutzung, Flächenversiegelung und Ressourcenverschwendung.

Der Lützerath-Deal war ein dreckiges Spiel mit dem Kapital

Dass von den grünen Grundsätzen im Rahmen von Regierungsbeteiligungen nicht viel übrig bleibt, setzt sich seitdem fort. Die Grünen waren in den letzten zwei Jahrzehnten an diversen Landesregierungen beteiligt. Dabei scheute die Partei auch nicht vor Koalitionen mit der konservativen CDU zurück. Die Klima- und Umweltbilanz der Landesregierungen unter grüner Beteiligung ist schwach und angesichts der Dimensionen der Klimakrise eine Katastrophe. Mehr als 40 Jahre nach ihrer Gründung sind die Grünen längst kein verlässlicher Bündnispartner mehr, weder für die Klimabewegung, noch für lohnabhängig Beschäftigte, Rentner:innen, Studierende und sozial Benachteiligte, wohl aber für Konzerne wie Allianz oder Südwestmetall – die mittlerweile zu ihren Großspendern zählen.

5. Nicht nur die Erfahrung mit den Grünen zeigt, dass angesichts der Macht des fossilen Kapitalismus die Klimakrise nicht durch Parlament und Regierungen gestoppt werden wird. Es braucht wirksamen Widerstand von unten!

DIE LINKE hat sich an den Protesten in Lützerath aktiv beteiligt. Sie ist die einzige Partei im Bundestag, die die Proteste unterstützt und den Deal mit RWE kritisiert. Die Parteivorsitzende Janine Wissler und die NRW-Bundestagsabgeordnete Kathrin Vogler waren bei der Räumung Lützeraths vor Ort, genauso wie hunderte andere Parteimitglieder. In vielen Orten stellte die LINKE gemeinsam mit Fridays for Future Busse für die Mobilisierung bereit. Die Partei forderte ein sofortiges Ende des Polizeieinsatzes gegen Klimaaktivist:innen, einen Stopp der Räumung und die Vergesellschaftung der Energiekonzerne.

Doch auch die Glaubwürdigkeit der LINKEN hat in der Vergangenheit stark gelitten. Auch sie beteiligt sich auf Landesebene an Regierungen, deren Politik in direktem Widerspruch zum Kampf gegen den Klimawandel steht. Beispielhaft waren das Festhalten der rot-roten Regierung in Brandenburg an der Kohleförderung sowie aktuell die drohende Privatisierung der S-Bahn durch den rot-grün-roten Senat in Berlin. Auch in Thüringen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern fällt die Klimabilanz der LINKEN weit hinter die Beschlüsse der Partei zurück. Immer wieder werden durch die Beteiligung an Landesregierungen, wie bei den Grünen, die programmatischen Grundsätze der Partei verletzt.

Die Politik des Opportunismus der LINKEN in den Landesregierungen schwächt die Glaubwürdigkeit der Partei. Eine linke Alternative zu SPD und Grünen darf sich nicht an Regierungen beteiligen, die keinen grundlegenden Politikwechsel einleiten. Die Partei schadet damit nicht nur ihrer Glaubwürdigkeit, sondern muss letztlich vor der Macht der Konzerne in die Knie gehen und ihre Ideale aufgrund der vermeintlichen Notwendigkeit der realpolitischen Situation verraten. Die Erfahrungen mit den Grünen, aber auch den Regierungsbeteiligungen der LINKEN in den Ländern zeigen, dass das System parlamentarischer Repräsentanz gegenüber dem fossilen Kapitalismus an seine Grenzen gerät. Die Strategie einer sozial-ökologischen Transformation über Regierungshandeln ist zum Scheitern verurteilt. Linke innerhalb der Klimabewegung  sollten sich für eine andere Strategie stark machen.

6. Es gibt andere »Machtoptionen« für die Klimabewegung, als darauf zu setzen, die Farbe der Regierung zu wechseln. Um zu gewinnen, muss die Bewegung sich weiter radikalisieren, vertiefen und lokal verankern

Straßenproteste und Massenaktionen des zivilen Ungehorsams sind wichtig, um als Bewegung sichtbar zu werden, Anstöße zu geben und Druck zu entfalten. Manchmal reicht diese Protestform auch, um einzelne Forderungen durchzusetzen – wie den erkämpften Rodungsstopp im Hambacher Forst 2018. Die Räumung von Lützerath macht jedoch klar: Oft reicht der Druck, den diese Aktionsformen entwickeln, nicht aus.

In der Klimabewegung hat der ausbleibende realpolitische Erfolg der bisher verfolgten Strategien bei manchen Aktivist:innen zu Resignation und Frust, aber auch zu einer Radikalisierung und Suchbewegung nach neuen Wegen geführt. Das Spektrum an Strategien erstreckt sich von Massenmobilisierungen, verbunden mit politischem Appell an die Regierenden und Wahlaufrufen für neue Regierungskonstellationen, wöchentlichen Klimastreiks in Schulen oder Volksbegehren auf Landesebene bis hin zu radikalen Aktionen des zivilen Ungehorsams. Zu letzterem zählen auch die Proteste von Gruppierungen wie der »Letzten Generation«. Diese verleihen der Dringlichkeit der Klimakrise und ihrer Verzweiflung über die Untätigkeit der Regierenden Ausdruck. Dabei stellen sie zwar im Moment der Aktion ein Gefühl der Handlungsmacht wieder her, führen aufgrund fehlender realer Druckmittel jedoch meist lediglich zu einer Verschiebung des politischen und gesellschaftlichen Diskurses über die Dringlichkeit der Klimakrise und die Legitimität politischer Protestformen. Das ist eine wichtige politische Intervention. Die Aktionsform des zivilen Ungehorsams ist aber umso effektiver, wenn sie in eine Kampagne eingebunden ist, die in der Lage ist, konkrete Reformen zu erkämpfen und in der auch die Lohnabhängigen und ihre Gewerkschaften eine Rolle spielen können. Dieser Ansatz ist in der Klimabewegung bisher nicht systematisch verfolgt worden. Höchste Zeit das zu verändern!

Wir haben mit den fossilen Konzernen und ihren Unterstützer:innen in den Parlamenten und Regierungen einen mächtigen Gegner. Die Klimabewegung braucht eine Kraft in sich, die diesen Gegner in die Knie zwingen kann. Die Bewegung zu vertiefen, bedeutet, dass die Klimabewegung in die Lage kommen muss, den Druck zu erhöhen bis hin dazu einen wirklichen Streik zu organisieren oder mit Aktionen des zivilen Ungehorsams zu unterstützen – also einen Streik, der den Konzernen und Regierungen echten wirtschaftlichen Schaden zufügt. Die Beteiligung der Gewerkschaften an den vergangenen Klimastreiks und der Klimabewegung insgesamt ist vor diesem Hintergrund nicht nur bemerkenswert, sondern für die Zukunft der Bewegung zentral.

7. Die Klimabewegung braucht einen Strategiewechsel. Ohne die Einbindung der Lohnabhängigen in die Proteste vergeben wir eine Chance, reale Stärke zu entwickeln. Die Tarifrunde im öffentlichen Nahverkehr 2024 bietet hierfür eine Chance

Im Sommer 2024 beginnt die Tarifrunde im öffentlichen Nahverkehr. Es ist für die Klimabewegung eine Chance, für eine neue Strategie: Sie kann die Beschäftigten für sich gewinnen und gemeinsam für einen Ausbau des ÖPNV streiken. Das ist neben dem Kampf gegen die Kohlekraftwerke und die Energiekonzerne eine weitere wichtige Ebene, auf die sich die Bewegung konzentrieren sollte. Warum? Weil die Bewegung hier die Möglichkeit hat, sich lokal zu verankern und echte Erfolge zu erzielen. Der Nahverkehr ist Sache der Kommunen und Städte. Jeder und jede braucht einen gut ausgebauten ÖPNV. Gleichzeitig verursacht der Verkehrssektor 20 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland. An einem massiven Ausbau des Nah- und Fernverkehrs zur Verringerung des Individualverkehrs kommt niemand vorbei. Die Klimabewegung hat hier einen mächtigen Partner: Anders als im Kohlebergbau vertritt die Beschäftigten nicht die konservative IG BCE, sondern ver.di.

Die Gewerkschaft plant schon jetzt, das Klimathema in der Tarifauseinandersetzung mitzudenken. Was liegt näher, als dass die Klimabewegung sich nicht nur solidarisch mit den Beschäftigten erklärt, sondern echte Unterstützung organisiert? Erste Ansätze dafür gab es bereits während der letzten Tarifrunde 2020. Auch 2024 wird es in jeder größeren Stadt Warnstreiks und vielleicht sogar handfeste Streiks geben. Gemeinsame Klimabündnisse vor Ort mit den Nahverkehrsgewerkschaften, Parteien, Verbänden und Initiativen, die für einen Ausbau des Nahverkehrs, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne kämpfen – das ist ein ganz anderer Plan für eine sozial-ökologische Transformation als die Hoffnung auf eine andere Regierungspolitik.

Arbeiter:innenmacht gegen den Klimakollaps aufbauen!

Nach einer Studie des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2018 ist der Anteil der Menschen, die meinen, die Bundesregierung macht beim Klimaschutz genug oder eher genug, gegenüber 2016 um 20 Prozentpunkte zurückgegangen und beträgt noch gerade einmal 14 Prozent. Die Einschätzung, dass die Industrie genug tut, ist von 15 auf lediglich acht Prozent gesunken. Auch 2022 kommt die Umweltbewusstseinsstudie zum Schluss: »Viel Rückenwind für sozial-ökologische Transformation. Große Mehrheit unterstützt deutlich ambitioniertere Umwelt- und Klimapolitik«.

Diese Mehrheiten sind auch ein Produkt der starken Klimabewegung in Deutschland. Sie machen deutlich, dass die Perspektive der Einbindung breiter Teile der Bevölkerung – vor allem der organisierten Lohnabhängigen – eine reale Grundlage besitzt. Dafür gilt es, jetzt vor Ort Kontakte zu knüpfen und Solidaritätsnetzwerke aufzubauen. Eine Gelegenheit dazu gibt es wieder im Rahmen des Globalen Klimastreiks am 3. März 2023. Hier können vor Ort Beschäftigte zu den Kundgebungen eingeladen werden. In diesem Sinne: Tous ensemble!

8. Der wiederholte Verrat der Grünen an der Regierung wirft die Frage nach einer Alternative im politischen Raum auf. Die Klimabewegung braucht eine antikapitalistische Bewegungspartei mit Massenbasis

Die Klimabewegung hat sich in den letzten Jahren zur größten und stärksten Massenbewegung in Deutschland und darüber hinaus entwickelt. Millionen Menschen gehen für mehr Klimaschutz auf die Straße. Doch wie in allen Bewegungen sind die politischen Ideen, Ziele und Strategien auch hier umkämpft. Zudem ist die Bewegung – wie alle anderen auch – dynamischen Zyklen ausgesetzt. Sie steigen zunächst wie eine Rakete in den Himmel, können dann aber auch wie ein Stein wieder hinabfallen.

Eine antikapitalistische Bewegungspartei sammelt die fortschrittlichsten Teile der Bewegung und bietet ihnen einen Lern- und Vernetzungsraum, um für die Bewegung neue Impulse zu entwickeln. Aber es geht noch um mehr: Die Klimakatastrophe und der Kampf dagegen ist ohne Zweifel eine der drängendsten Fragen unserer Zeit. Zugleich ist aber klar, dass der Kampf gegen den Kapitalismus und für einen Systemwechsel noch viele andere Dimensionen hat. Für Antikapitalist:innen gehören die Kämpfe für das Klima, gegen Ausbeutung und die wachsende soziale Spaltung, gegen Rassismus, Sexismus und andere Formen der Unterdrückung und gegen die kapitalistischen Missstände untrennbar zusammen. Daher darf sich auch linke Organisierung nicht auf eines dieser Felder beschränken, sondern muss die verschiedenen Kämpfe zusammenbringen.

Linke müssen die gesamte Klaviatur an Widerstand anwenden können. Eine Taktik dogmatisch zu verfolgen wird scheitern

Aber zeigen der wiederholte Verrat der Grünen an den Zielen der Klimabewegung oder auch das Regierungshandeln der LINKEN auf Landesebene nicht, dass Parteien grundsätzlich dazu neigen, ihre Versprechen zu brechen und in Widerspruch zu den sozialen Bewegungen zu geraten, die einst Hoffnungen in sie setzten? Wir meinen: Das muss nicht so sein. Es kommt darauf an, was für eine Partei wir aufbauen und mit welchem Selbstverständnis sie Politik macht. Die Klimabewegung braucht eine Partei, die vor Ort verankert ist und die Menschen mobilisieren kann – und gemeinsam mit anderen Gegenmacht auf den Straßen und in den Betrieben zum fossilen Energieregime aufbaut. Eine Partei, die als öko-sozialistische Opposition auftritt. DIE LINKE könnte diese Rolle spielen. Aber es ist auch klar: Dafür muss sich DIE LINKE ändern.

9. DIE LINKE kann für die Klimabewegung eine wichtige Rolle spielen, doch dafür braucht es ein #SystemChange der Partei. Klimaaktive sollten die Erneuerung der Partei vorantreiben

Nicht nur Fridays for Future weiß: Das radikalste Klimaschutzprogramm hat DIE LINKE. Und auch das Engagement der LINKEN in Lützerath zeigt die Möglichkeiten einer antikapitalistischen Bewegungspartei. Aber es zeigt auch die Grenzen und warum die Partei einen #SystemChange braucht. DIE LINKE hat die Proteste zwar unterstützt, aber eben nicht eine bundesweite Mobilisierung mit angestoßen oder bundesweit Solidaritäts-Demonstrationen mit den Protesten in Lützerath organisiert. Ebenso fehlten unterstützende Aktionen im Bundestag oder in den Landesparlamenten.

Es ist eben keine Selbstverständlichkeit, dass DIE LINKE ihr Potenzial als Motor von Klassenkämpfen wirklich ausspielt. Denn auch sie ist den vielfältigen Integrationsmechanismen des Kapitalismus unterworfen. Das parlamentarische System beruht auf Stellvertreterpolitik. Fragmentiert und spezialisiert betreiben Abgeordnete und Expert:innen das politische Geschäft in Arbeitsbereichen und Ausschüssen. Die Partei erscheint als parlamentarischer Repräsentant anstatt als Akteur gesellschaftlicher Mobilisierungen. Auch innerhalb der Anhängerschaft der LINKEN ist die Vorstellung weit verbreitet, dass sich gesellschaftliche Veränderungen wesentlich über die Parlamente vollziehen. Die viel größere potenzielle Macht von kollektiven Kämpfen erscheint vielen als zu wenig greifbar. Dem hat DIE LINKE bisher zu wenig entgegengesetzt. Auch aus diesem Grund ist die Partei in einer tiefen Krise. Um ihrer Rolle als sozialistische Kraft gerecht zu werden, muss DIE LINKE ganz anders sein als die etablierten Parteien. Das bedeutet einen Bruch mit der Fixierung auf Parlamente als wesentliches Aktionsfeld und Hebel für gesellschaftliche Veränderung. Selbstverständlich engagieren sich schon jetzt viele Mitglieder und Parteigliederungen in außerparlamentarischen Initiativen. Was fehlt, ist die Ausrichtung der Gesamtpartei darauf.

Es geht darum DIE LINKE fähig für die noch anstehenden Klimakämpfe zu machen

So wie es zur Zeit aussieht, wird die Linkspartei bei den nächsten Wahlen weiter verlieren. Aber in welche Richtung sich DIE LINKE entwickelt, ist nach wie vor offen. Die Krise der Partei auf der parlamentarischen Wahlebene kann die Debatten um eine wirkliche Erneuerung der LINKEN befeuern. Die Klimabewegung kann die Offenheit des Prozesses nutzen und den #SystemChange innerhalb der LINKEN mit vorantreiben, indem Aktive Teil einer Erneuerungsbewegung der Partei werden. Der gemeinsame Aufbau und die Mobilisierungen der Klimabewegung, wie die Mobilisierungen zum Globalen Klimastreik oder die Kampagne zur Tarifrunde im öffentlichen Nahverkehr 2024 bieten Schnittstellen hierfür. Wir sind uns bewusst, dass DIE LINKE an vielen Orten weit von einem idealen Zustand entfernt ist. Es ist höchste Zeit, dass wir beginnen, genau das gemeinsam zu verändern. Denn: Lützerath is calling!


Titelbild: wikicommons